Stell dir vor, du kämpfst um das Sorgerecht für dein Kind. Du bist innerlich aufgewühlt, willst einfach nur das Beste für dein Kind – und plötzlich hast du nicht nur deinen Ex-Partner vor dir, sondern auch ein System, das dir mit Misstrauen, Vorurteilen und Verantwortungsverschiebung begegnet. Dir wird unterstellt, du würdest das Kind ganz bewusst vom Vater entfremden, wenn du offen und ehrlich über deine Sorgen oder Ängste bei den verschiedenen „Stellen“ sprichst. Deine Warnungen werden bestenfalls als Übertreibungen abgetan. Dein Einsatz für dein Kind wird als „Hysterie“, „wahrscheinliche Lügen-Kampagne“ gegen den Kindsvater oder zumindest eine ungesunde „Überidentifikation“ etikettiert.
Was wie ein Albtraum klingt, ist für viele Mütter in familiengerichtlichen Verfahren oder bei Jugendämtern oder Gutachtern leider vielfach die bittere Realität. Ich habe diese Dynamiken in meiner beruflichen Praxis immer wieder erlebt – als Verfahrensbeiständin, als Vertrauensperson bei Gesprächen mit dem Jugendamt und auch früher während meiner Arbeit in einer Rechts- und Unterhaltsstelle. Ich habe die besorgten, verzweifelten Mütter gesehen. Ich habe erlebt, wie schnell Vorurteile gerade auch von anderen Frauen gegen diese Mütter „aus der Schublade“ gezogen wurden. Wie mütterliche Sorge bei Sachbearbeitern verschiedenster Institutionen Unterstellungen, Abwertungen und fragwürdige Zweifel an den Schilderungen auslöste, die aber in der Regel nicht sachlich überprüft wurden. Nein, mit all dem wurde weiter unreflektiert gearbeitet. Vorwürfe inklusive.
Wenn Misstrauen zur Strategie wird: Die Erkenntnisse von Dr. Wolfgang Hammer
Der Soziologe Dr. Wolfgang Hammer hat in seiner Studie „Macht und Kontrolle in familienrechtlichen Verfahren in Deutschland“ 154 Fälle analysiert – und kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Mütter werden in familiengerichtlichen Verfahren systematisch benachteiligt.
In 147 Fällen (!) wurden ihnen Begriffe wie „Bindungsintoleranz“, „Mutter-Kind-Symbiose“ oder sogar „psychische Störungen“ zugeschrieben – oft ohne nachvollziehbare fachliche Grundlage. Diese Zuschreibungen stigmatisieren. Sie lenken vom eigentlichen Problem ab – und führen in vielen Fällen dazu, dass die Mutter das Sorgerecht oder den hauptsächlichen Umgang verliert.
Ich kann das bestätigen: Nicht nur aus eigenen, persönlichen Erfahrungen als betroffener alleinerziehender Mutter. Solche Zuschreibungen tauchen auch in heutigen Gutachten und Berichten der Jugendämter immer wieder und erschreckend häufig auf. Als begleitende Vertrauensperson und Verfahrensbeiständin sehe ich, wie schnell Mütter auf ihre Funktion als „Kooperationspartnerin“ reduziert werden – und wie wenig Raum bleibt für echte Sorgen, Probleme oder gar Traumatisierungen, massive Überforderung oder strukturelle Gewalt. Die Kinder sind meist gar nicht als schützenswerte Rechtssubjekte im Fokus und wirken oft wie eine bloße „Verteilungsmasse“.
Was ist das denn? Das Parental Alienation Syndrome (PAS) – auf jeden Fall: ein fragwürdiges Konzept:
Besonders gefährlich wird es, wenn das sogenannte „Parental Alienation Syndrome“ ins Spiel kommt. Dieses Konzept unterstellt, dass ein Elternteil – meist die Mutter – das Kind gegen den anderen Elternteil beeinflusst. Obwohl PAS wissenschaftlich umstritten ist, wird es in vielen Verfahren als Argument oft und gerne gegen Mütter als eine Art „Totschlagargument“ verwendet. Dr. Hammer kritisiert berechtigterweise, dass durch die Anwendung von PAS eine komplette Täter-Opfer-Umkehr stattfindet: Sowohl die von der Mutter geschilderte physische oder die sehr schwer beweisbare psychische Gewalt durch den Vater wird ignoriert. Das Absurde kommt jetzt: Gegen eine hilfesuchende und verzweifelte Mutter wird der Spieß jetzt umgedreht. Anstatt die Vorwürfe und Schilderungen auf den Wahrheitsgehalt und entsprechend der Kindeswohlprämisse zu prüfen, wird der Mutter per se die bewusste Manipulation gegen den Kindsvater vorgeworfen. Meine Meinung und Erfahrung: PAS wird dann als praktische Lösung für arbeitsaufwendige und emotional schwierige, vertrackte Fälle genutzt, auf die alle Verfahrensbeteiligten außer Mutter und Kind keine Lust haben, um den Fall vom Tisch zu bekommen.
Merke: PAS – ein toxisches Konzept, das Mütter zu Täterinnen macht
Die Anwendung von PAS ist wahrscheinlicher als eine Aufklärung oder Prüfung deiner den Kindsvater belastenden Schilderungen und daher für dich und dein Kind brandgefährlich. Du musst dich gut vorbereiten, mental und emotional. Vor allem aber brauchst du dringend eine sehr gute Kommunikationsstrategie und entsprechende Vorbereitung gegen PAS. Denn sie dreht die Realität oft um: Väter, die psychische oder körperliche Gewalt ausgeübt haben, erscheinen plötzlich als Opfer. Mütter, die ihre Kinder schützen wollen, stehen als Täterinnen da.
Ich habe Mütter erlebt oder begleitet, die physische und/oder psychische Gewalt erlebt haben – und denen später im Verfahren „Manipulation“ unterstellt wurde, weil ihre Kinder keinen Kontakt mehr zum Kindsvater wollten. Als ob Kinder nicht instinktiv spüren, wem sie vertrauen können. Als ob sie nicht das Recht hätten, sich abzugrenzen.
Jugendämter, Gerichte und der blinde Fleck gegenüber Müttern
Die Studie zeigt auch, dass Jugendämter und Gerichte regelmäßig mit Vorurteilen gegenüber Müttern arbeiten. Die strukturellen Probleme sind tief verankert. Jugendämter und Gerichte handeln selten bewusst diskriminierend – aber die Vorannahmen sind da: Mütter gelten als „übergriffig“, „dominant“, „klammernd“. Väter dagegen werden oft als „entwicklungsfähig“ und „kontaktbereit“ beschrieben – selbst dann, wenn sie in der Vergangenheit kaum präsent waren.
Mütter werden also sehr schnell als „Störfaktor“ in der Beziehung zwischen Vater und Kind vermutet und auch so in den amtlichen Berichten dargestellt. Ihre Sorgen und Ängste werden nicht ernst genommen, während den Vätern meist und ungeprüft, so quasi nach professionellem erstem Eindruck oder Bauchgefühl des Entscheiders mehr Glauben geschenkt wird.
Merke: Es genügt, dass Väter den im Raum stehenden Vorwürfen der Mutter höflich, ruhig und freundlich, meist garniert mit einer entsprechenden, (subtil) abwertenden Bemerkung über die Kindsmutter widersprechen, damit die Kindsmutter regelmäßig wie eine „Lügnerin“ behandelt wird und zur Nichtverfolgung einer Kindeswohlgefährdung führt. Diese strukturellen Probleme führen dazu, dass Mütter und Kinder nicht ausreichend geschützt werden.
Ich habe Akten gelesen, in denen die Sorge der Mutter um die psychische Verfassung ihres Kindes als „Instrumentalisierung“ gedeutet und gegen sie eingesetzt wurde. Auch mir wurde das unterstellt, da ich Schwierigkeiten mit und Fehlverhalten des Kindesvaters mir und den Kindern gegenüber offen und ehrlich ansprach, in der Hoffnung, Unterstützung zu bekommen.
Geändert hat sich in den Jahren jedoch insoweit leider nichts. Denn meine beruflichen Erfahrungen sind hier oft immer wieder die gleichen. Ich saß z.B. als Vertrauensperson oder beruflich bei Gesprächen mit den Jugendämtern bei , in denen Mütter immer wieder erklären mussten, warum sie den Kontakt zum Vater kritisch sehen, obwohl ausreichend Fakten eine Prüfung der Sachlage gefordert hätten – während die Versäumnisse des Kindsvatern kaum thematisiert oder bagatellisiert wurden. Nur meine Forderung, alles wörtlich zu Protokoll aufzunehmen, was insoweit gesprochen, gefordert und thematisiert worden war, führte zum Einlenken der Entscheider.
Und ich weiß von Fällen, bei denen der Kindsvater die berechtigten Umgangsbedenken der Mutter ausräumen konnte, ohne dass er sein Verhalten entsprechend und positiv gegenüber der Kindsmutter oder dem Kind verändert hätte. Nein. Sondern wie in den Berichten dann “sehr sachlich” zu lesen ist oder auf Anfrage bei der zuständigen Stelle mitgeteilt wird: Aufgrund des sehr offenen, freundlichen und sehr kooperationsbereiten, sehr höflichen und sehr reflektierten, sehr empathischen Verhalten des Kindsvaters gegenüber dem Kind”( bzw. der Fachkraft des Jugendamtes) gibt es keine Bedenken für einen Umgang ohne Begleitung.. Manchmal scheinen diese Berichte nach außen hin schon irgendwie begünstigt durch kleine Präsente wie Pralinen oder ein Blumensträußchen vom Kindsvater an die “Profis”…für all die Mühe und tollen Tipps und Erkenntnisse…und so…
Ganz ehrlich…da fällt mir nichts mehr ein. Gerade bei einem Profi müssten spätestens bei Präsenten alle Alarmglocken losgehen und schreien: “Alarm, Alarm, Manipulationsversuch, Achtung: Verdacht auf toxische oder narzisstische Spielchen. !!!” Leute, ey, das macht mich fassungslos. Sollte sowas bei euch vorkommen, geht unbedingt dagegen vor.
Merke: Das Kindeswohl hat nach dem Gesetz oberste Priorität – und wenn Hinweise auf (potenzielle) Gewalt bestehen, darf der Umgang nicht einfach „normal“ oder unreflektiert stattfinden. Begleiteter Umgang ist eine Schutzmaßnahme, kein Automatismus.
Das wiederum bedeutet ja aber, dass die Begleitperson als neutrale Beobachter eine umfassende Prüfpflicht hat, ob und inwieweit die Vorwürfe oder Bedenken einer Mutter wegen insbesondere auch psychischer Gewalt sachlich begründet sind oder eine Kindeswohlgefährdung
Lies dazu gerne den im Mai erscheinenden Blogbeitrag und die dort hinterlegte Istanbuler Konvention, in denen verschiedene Gewaltformen definiert werden, die in Deutschland auch als bindendes Gesetz gelten.
Was heißt das für dich – als betroffene Mutter?
Wenn du in einem familiengerichtlichen Verfahren steckst, musst du mehr tun als „nur“ Mutter sein. Du musst Strategin werden. Beobachterin. Dokumentarin. Du brauchst Verbündete – rechtlich, emotional, strategisch. Denn nur so kannst du dich gegen die bestehenden Vorurteile und strukturellen Benachteiligungen wehren.
Ich empfehle jeder Frau in dieser Lage:
Mein Fazit – aus Sicht einer, die hinter die Kulissen blicken konnte
Die Studie von Dr. Hammer bestätigt, was viele Mütter längst spüren: Das familiengerichtliche System ist alles andere als fair oder neutral. Es hat viele und verschiedene blinde Flecken – vor allem gegenüber Frauen, die sich nicht klein machen lassen, unbequeme Wahrheiten aussprechen und Dinge kritisch hinterfragen. Es belohnt und fordert dadurch stillschweigend eine „opportune“ , „krampfemotionslose“ , unsachgemäße Kooperationsbereitschaft, auch wenn sie für alle Entscheider meist ohne weiteres erkennbar dem Schutz des Kindes widerspricht. Hier wird dann ignoriert, was Kinder wirklich brauchen: Sicherheit, Vertrauen und Stabilität.
Es ist dringend notwendig, diese Missstände zu erkennen und zu beheben, um betroffenen Familien gerecht zu werden.
Aber du kannst etwas tun. Du kannst dich wappnen. Du kannst Klarheit gewinnen. Und du musst da nicht alleine durch. Denn eine Mutter, die weiß, was sie tut – ist kein Störfaktor. Sondern eine starke Verbündete für ihr Kind.


